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| Persönliche Stories: Suse | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Mein Name ist Suse, ich lebe in Hamburg, bin 43 und äußerlich wie innerlich glücklicherweise immer noch eine junge Frau. Ich war immer schon ein neugieriger, fröhlicher, lebensbejahender und durchaus positiv denkender Mensch, gleichzeitig aber (auch wenn es sich paradox anhört) auch schwermütig und ängstlich. Etwa mit Mitte 20 begannen meine Herzprobleme, plötzliches Herzrasen, Herzstolpern, das Gefühl zu ersticken und gleichzeitig panische Angst. Drei verschiedene Notärzte konnten nichts organisches feststellen, immer wieder hieß es: vegetative Störungen, alles rein psychisch. Das Schlimmste war das Unverständnis meiner Umwelt. So nach dem Motto: Wenn der Arzt sagt, du hast nichts, dann hast du auch nichts. Mein Freund war am Ende so genervt, daß er immer wieder versuchte, mir den Anruf bei der Notarztzentrale auszureden. Wer das nie erlebt hat, wird sich nicht vorstellen können, wie entsetzlich es ist, wenn man einerseits glaubt, in einer lebensbedrohenden Situation zu sein, und andererseits niemand, nicht einmal der eigene Mann, dies ernst nimmt. Der letzte (der vierte) Notarzt, den ich dennoch rief, war im Gegensatz zu den vorherigen dann zu allem Überfluß auch noch völlig unfreundlich und unsensibel. Er machte ziemlich deutlich, daß er meinte, ich sei doch nur wieder eine dieser Hypochonderinnen, die ihm die Zeit stehlen. Obwohl ich zu protestieren versuchte (!), spritzte er mir zur Beruhigung Diazepam und verschwand sofort wieder, obwohl ich bereits Sekunden nach der Spritze total zu zittern begann und extreme Angstzustände bekam. Ich habe eine ganze Nacht hindurch geglaubt zu sterben, mich aber nicht einmal mehr getraut, noch einmal um Hilfe zu bitten. (Heute weiß ich, daß es gar nicht so selten ist, daß Menschen auf Valium oder ähnliche Mittel eine unerwünschte paradoxe Reaktion zeigen.) Es folgte eine furchtbare Zeit, in der ich ständig Angst vor neuen Herzattacken hatte, gleichzeitig aber jeden Mut verloren hatte, Hilfe zu holen. Auf Anraten meiner Hausärztin begann ich eine Psychotherapie, die zwar sicher nicht unnütz war, aber meine Herzprobleme blieben. Es war mehr Zufall, daß ich dann irgendwann zu einem Internisten ging, der schon nach kurzem Abhorchen ahnte, was mich plagt. Der Mitralklappenprolaps wurde dann später vom Kardiologen bestätigt. Der Internist hat mir sehr geholfen, weil er mir versicherte, ich werde an diesem Problem nicht sterben, und mir riet, dieses Problem als Teil meiner Persönlichkeit zu akzeptieren. Er sagte: "Sie sind ein Mensch, der nicht immer nur geradeaus geht. Sie sind neugierig und lieben das Ungewöhnliche. Ihr Herz ist genau wie Sie. Stellen Sie es sich vor, als sei es ein junges Pferd, daß nicht einfach nur stur seinen Weg trottet, sondern plötzlich mal Lust hat, nach rechts oder links auszubrechen. Und wenn es das tut, dann stolpert ihr Herz." Ich finde diese Erklärung nach wie vor sehr schön, und diese Vorstellung hat mir tatsächlich geholfen, das Problem anzunehmen. Wenn mein "Pferdchen" nun mal wieder stolpert oder rast, dann lege ich mich ruhig hin, nehme ein paar Tropfen Korodin und warte einfach ab. Es hilft! So weit, so gut? Leider nein. Mein Herz selbst macht mir nun nicht mehr so große Sorgen, aber seit einigen Jahren leide ich zunehmend an immer stärker werdenden Ängsten. Seit etwa einem Jahr sind diese Ängste so schlimm, daß man schon von einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität sprechen muß. Ich habe versucht, dem Problem mit Therapien zu begegnen, aber ich bin mittlerweile davon überzeugt, daß es sich nicht um rein psychische Probleme handeln kann. Im Gegenteil: Man könnte fast sagen, daß ich der beste Beweis dafür bin, daß z.B. die vielgepriesenen Verhaltenstherapien wenig nützen. Beispiel: Meine Höhenangst. War schon immer latent vorhanden, aber in eher "normaler" Form. Aber sie wird immer schlimmer, egal welch "positive" Erlebnisse ich habe. Mein Mann und ich sind einige Jahre lang jeden Urlaub in die Berge gefahren, und ich liebe diese Wanderungen wirklich. Aber selbst, wenn ich mich überwinde und einen Weg dicht am Abgrund gehe, ändert sich gar nichts an meiner Angst. Einmal schaffe ich es unter großen Anstrengungen, das nächste mal aber wird mir schwindelig und ich bekomme so weiche Knie, daß ich das Gefühl habe, nicht weiter gehen zu können. Ich habe mich in solchen Situationen schon hingesetzt und nur noch geheult, und war dann nur in der Lage, auf allen Vieren zurück zu kriechen. Mittlerweile kann ich Rolltreppen nur noch nach oben fahren, runter geht gar nicht mehr. Fahrstühle bereiten mir auch Panik, ich kann kein Hotel mehr buchen, in dem das Zimmer höher als im 3. Stock liegt. Kaufhäuser suche ich danach aus, ob sie über feste Treppen verfügen. Auch das Auto fahren außerhalb der Stadt bereitet mir große Probleme. Ich bin früher gern schnell gefahren, mittlerweile ist jede Geschwindigkeit über 80 für mich ein Riesen-Problem. Besonders an Stellen, z,B. auf Autobahnen, wo man weit ins Land sehen kann, wird mir beim Fahren regelrecht schwindlig. Ich kann auch kaum noch über Brücken fahren (hohe Brücken überhaupt nicht mehr), und plane meine Fahrtrouten mittlerweile so, daß ich alle größeren Brücken mit großen Umwegen umfahre und auch auf Autobahnen weitestgehend verzichte. Ich bin mittlerweile völlig verzweifelt. Ich habe mein Leben ansonsten gut im Griff und bin beruflich relativ erfolgreich - warum schaffe ich so vieles nicht, das für andere Menschen selbstverständlich ist? Ich habe schon oft gedacht, daß es vielleicht doch auch ein organisches Problem ist, aber erst durch diese Internet-Seite ist mir die Idee gekommen, daß das Problem möglicherweise in direktem Zusammenhang mit dem schon fast vergessenen MKP steht. Suse | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||